Seminare WS2019/2020

Kompositionsseminar | Ming Tsao

Musik, Sprache und das Posthuman

Schönberg hat einmal vorgeschlagen, dass die ganze Aufgabe der Kunst darin besteht, das Ausdruckbare zu entlasten: das Ausdruckbare sind die Bedeutungen, die durch Konventionen möglich und enthalten sind. Diese Konventionen werden durch eine musikalische Grammatik und Syntax festgelegt, die bestimmen, wie Verbindungen hergestellt werden, damit jedes musikalische Phänomen über sich selbst hinausweisen kann, aufgrund dessen, woran es erinnert und wodurch es die Erwartungen weckt. Fragen, Ausrufe, Nebensätze kommen in der Musik vor, Stimmen steigen und fallen: Obwohl die expressiven Gesten der Musik der Tonalität entlehnt sind, haben sie ihren Ursprung in der sprechenden Stimme, die der Komponist Brian Ferneyhough "Vokabeln" nennt.

Der Komponist Helmut Lachenmann hat das Konzept der „Vokabeln“ um den Begriff des Strukturklangs erweitert, bei dem Ausdrucksaspekte einer Komposition im Allgemeinen als stabile rhetorische Mittel wahrnehmbar sind. Die Materialität der Klangerzeigung richtet sich gegen Gesten und Kadenzen, die auf die tonale Zusammenhänge beruhen.  Ein Strukturklang manifestiert sich als die Erfahrung des Widerstands gegen die lyrischen Abläufe eines expressiven Subjekts, Abläufe, die eine authentische Sprache der persönlichen Handlungsfähigkeit ergeben. Durch diese Klangtypen wird das begehrende Ich als Ausdrucksgegenstand gegen die materiellen Widerstände der Klangerzeugung in die Musik komponiert.

In diesem Seminar untersuchen wir Möglichkeiten, wie musikalische Grammatik dekonstruiert werden kann, um die lyrische, expressive Stimme instabil zu machen, mit der Möglichkeit, dass sie sich für andere Ausdrucksformen öffnet, wie nach Cages Vorstellung  einer „anarchischen Harmonie“, in der der Klang  frei ist von einer menschlichen Intentionalität und in die Kunstlosigkeit der Natur reicht. Nicht Natur als sozial-historisch vermittelte Natur, sondern näher an dem, was Quentin Meillassoux als „the great outdoors“ bezeichnet.

Für Einzelheiten zum Seminar wenden Sie sich bitte an Prof. Ming Tsao

 

Zuletzt bearbeitet: 18.09.2019

Zum Seitenanfang